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Tayfun Belgin
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Reutlinger Generalanzeiger
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"family works"
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" family works"
p r e v i o u s
1998
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1998
TIP Berlin
13. Oktober 1998
Stuttgarter Zeitung
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Der Tagesspiegel
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Stuttgarter Zeitung

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Zwischen Sein und Nichtsein: Malerei von Dieter Mammel

Das Malen eines Bildes gleicht einer Creatio ex nihilis. Ein erster Pinselstrich auf der unberührten Leinwand schafft eine Realität. Diese kann ergänzt werden (und wird es auch meist), sie kann modifiziert, nicht aber zurückgenommen werden. Selbst eine Übermalung schafft eine neue Realität. Insofern ist der Maler gefangen in einer Welt der - wenn auch nur gemalten - Dinge, zu denen jeder Strich, jede Fläche zählt. Das mag in der Moderne geradezu anachronistisch anmuten, in der selbst die früher als solide angesehene physikalische Welt durch die moderne Wissenschaft als stets im Fluss, in Bewegung entlarvt wurde. Eine Ausstellung in der Städtischen Galerie Reutlingen zeigt einen Maler, der diese Schaffung von Welt durch den Pinsel für problematisch hält. Dieter Mammel beschreitet mit seinen Arbeiten Zwischenwelten.

Das zeigt sich schon in den Motiven, die er auf Leinwand gestaltet. Was heute auf der Varietébühne als Zauberei präsentiert wird, ist Illusionskunst, sie arbeitet mit Augentäuscherei. Was als Zauberei wahrgenommen wird, findet streng genommen im Auge des Betrachters statt. Wenn Dieter Mammel also ein Bild Zauberei nennt, entführt er den Betrachter in ein Reich, das mit der physikalischen Realität nur bedingt zu tun hat. Dasselbe gilt für Bildthemen wie den Schlaf. Es ist weder ein Zustand des Leblosen, Toten, noch die Präsenz der geistigen Wachheit, sondern spielt sich in einem Zwischenreich ab, in dem Elemente der Welterfahrung, des eigenen Alltags, in verwandelter Form auftauchen und eine neue, illusionäre Realität bilden. Traum und Schlaf sind daher ideale Motive, wenn ein Künstler wie Mammel sich Fragen nach der Solidität unserer Welt und deren Wahrnehmung macht.

Bevorzugtes Element ist ihm dabei das Wasser. Es ist physikalisch vorhanden, entzieht sich aber jeder Festlegung. Wasser fließt, selbst wo es steht und solide wie eine spiegelnde Glasfläche zu sein scheint, ist es flüchtig, bei Berührung durchlässig - eine Illusion des Auges. Zudem nimmt es als Trägermaterie eine Zwischenposition ein. So mag es durchaus den darauf liegenden Körper tragen wie ein Brett, ist aber zugleich trügerisch und kann diese Tragefunktion auch verlieren. Auf dem Wasser zu treiben, zu schwimmen, bedeutet somit einen Zwischenzustand zwischen geplanter, gezielter Aktion und passivem Sichgehenlassen, entspricht jenem Zwischenbereich, in den man beim Übergleiten in den Schlaf verfällt.

All dies prägt Mammels Bilder, sie zeigen existentielle Zwischenwelten, ambivalente Seinszustände. Die Köpfe seiner Figuren tauchen meist mit dem Hinterkopf tief in das Wasser ein, lassen gerade noch die Silhouette des Gesichts erkennen. Da ist ein Sein und ein Entschwinden zugleich. Dadurch erwecken seine Bilder den Eindruck, beweglich zu sein. Hier wirkt nichts fixiert, sondern alles im ständigen Übergang.

Dasselbe gilt auch für seine Bilder aus den Gletscherwelten der Gebirge. Sie sind mit einem weißbläulichen Farbhauch gemalt, Figuren scheinen sich aus dem ewigen Eis nur für Sekunden herauszuschälen, um dann gleich wieder abtauchen zu wollen. Mammels Bilder stellen ständig Fragen nach dem Sein und dem Nichtsein.

Dazu trägt auch seine Malweise bei. Er verwendet nicht Öl- oder Acrylfarbe; die wäre für seine Themen viel zu präsent und habhaft. Er verwendet Tuschfarbe, prädestiniert zur Transparenz. Zudem "grundiert" er seine Leinwand mit Nässe. Dadurch verschwimmt die Tusche bei der ersten Berührung mit dem Malgrund, sie verflüssigt sich auf der Leinwand, um dann erst zur festen Farbe zu werden. So ist Fließen, das seine Motive charakterisiert, zugleich auch Inbegriff seiner Technik. Maltechnik und Bildinhalt werden eins, das eine geht aus dem anderen hervor. So wird auch der Malakt zu jenem existentiellen Zwischenbereich.

Nicht alle Bilder der Ausstellung belegen diese "Malphilosophie" gleichermaßen. So adaptiert Mammel nicht selten Werke aus der Kunstgeschichte. Da kann es auch mal kalauern, etwa wenn er einem "Baby" von Caravaggio einen Malpinsel in die Hand drückt. Doch wenn er einen Knaben nach Manet beim Blasen einer riesigen Seifenblase darstellt, nähert er sich wieder jenem schillernden Bereich zwischen Sein und Nichtsein. Vollends gelingt ihm das bei seinen mit dem sich nicht ohne Weiteres erschließenden Titel Venus bezeichneten Bildern eines großen Lagerfeuers. Flammen sind mehr noch als Wasser Symbol des Nichtseins im Sein. Die Flammen sind vorhanden, man spürt sie sogar mit ihrer wärmenden Energie, doch bereits im nächsten Augenblick verpufft der gleißende Schein ins Nichts. Mammel hat das mit seiner Maltechnik faszinierend realistisch eingefangen und gerade dadurch im existentiellen Zwischenbereich belassen. Alles Sein, so die Erkenntnis in dieser Ausstellung, ist flüchtig - als solches faszinierend und doch zugleich auch ein wenig deprimierend.

Der Kulturblog von Rainer Zerbst

10. Juli 2018