News

TRAUMTAUCHER
06.04. - 02.06.2019
Galerie Corona Unger, Bremen

ICELAND - The Cyan Cycle
26.04. - 12.06.2019
Galerie Gerken, Berlin

Dieter Mammel – Iceland. The Cyan Cycle

In ihrer dritten Einzelausstellung des in Berlin lebenden Malers und Zeichners Dieter Mammel zeigt die Galerie Gerken Werke dessen 2018 begonnenen Zyklus Iceland, der die Wirklichkeit von Sehnsuchtsorten hinterfragt.

Wie ein Lichtbildner moduliert Mammel mit monochromer Tusche Hell und Dunkel, entwickelt seine Motive ausgehend von der Linie oft über mehrere Bilder. Als Vorlagen dienen ihm Fotografien, Film Stills, reale oder erdachte Modelle sowie eigene Erfahrungen. Die Tuschfarbe führt beim Auftrag auf der ungrundierten, nassen Leinwand ein Eigenleben, breitet sich aus, verläuft, zerfasert und erfordert bisweilen ein Umdenken im künstlerischen Schaffensprozess, einen Umgang mit der Unkontrollierbarkeit des Zufalls. Im Annehmen von Fehlern und Verzerrungen, dem Scheitern, aber auch im Weitermachen – darin liegt für Mammel der besondere Reiz dieser Technik.

Die Initialzündung für den neuen Zyklus war eine Reise des Künstlers über den kanadischen Icefields Parkway im Jahr 2016 und ein Besuch des Columbia- Eisfeldes. Beim Anblick der abschmelzenden Gletscher begriff er, dass diese irgendwann nicht mehr bestehen würden. Während bis dato Wasser die tragende Rolle in seinen Arbeiten spielte, sind es nun Arktis und Antarktis, die zur Bühne existentieller Dramen werden, also Wasser im gefrorenen Zustand. Die monumentale Welle (2017) verdichtete sich zu einem Eisberg, ein Temperaturwechsel fand statt. Nach Blueberry und Gelb ist nun Cyan die vorherrschende Farbe, macht kalte Polarwinde nahezu fühlbar. Zudem weisen die Werke im Vergleich zu älteren Bildern einen höheren Abstraktionsgrad auf. Sie sind reduzierter, stärker auf das Wesentliche beschränkt.

Die Figuren auf den ausgestellten Tuschearbeiten treten allein oder in kleinen Gruppen auf. Sie stapfen durch Schnee, bezwingen Bergformationen oder sichern das eigene Überleben durch Iglubau und Fischfang. Klein und verloren wirken sie in der unendlichen Weite der Gletscher und Eiswüsten. Doch ungebrochen ist ihre Triebkraft, das weiblich Erhabene zu erreichen, das sich in Form überdimensionaler Köpfe, Leiber oder auch einzelner Körperteile von Frauen schemenhaft in den Bildhintergrund einwebt. Die Rückenansichten der meist männlichen Protagonisten referieren an Ikonen der romantischen Malerei, geben dem Betrachter die Möglichkeit, sich mit den dargestellten Personen zu identifizieren. Der an diesen Orten der Abgeschiedenheit stattfindende Kampf wird zum Spiegel innerer Prozesse, zur Projektionsfläche eines ungestillten Dranges, einer Notwendigkeit.

Doch wie wirklich ist diese Sehnsucht? Wer oder was hat Bestand in einer derart lebensfeindlichen Umgebung? Und wird der Ort selbst überhaupt überleben? Neben der bedrohten Existenz von Mensch und Tier thematisieren Mammels jüngste Tuschearbeiten somit auch den fortschreitenden Klimawandel und die damit einhergehende Gefährdung der Ökosysteme von Nord- und Südpol.

Parallel zu den im Galerieraum gezeigten Szenarien des Iceland-Zyklus werden im Untergeschoss mit Hilfe einer Taschenlampe nachtaktive Wesen sichtbar. Bis auf die Nachteule (2019) sind alle Tiere Teil des von 2013 bis 2017 entstandenen Gelbzyklus und unterliegen der gleichen Ambivalenz von Bedrohung und Bedrohtheit, wie auch die Eislandschaften und die sich in ihnen bewegenden Figuren.

© Katja Dannowski

 

Dieter Mammel – Iceland. The Cyan Cycle

Willkommen im Niemandsland. Im Irgendwo zwischen Komfortzone und Krisenabgrund. Also da, wo nur noch Bilder, Träume und Imaginationen den Weg weisen.
Dieses Gefühl hatte ich vorgestern beim Gang durch die Galerie, und es war ein gutes, anregendes Gefühl. Denn sobald ich merke, dass mir Kunst mit einer ganz bestimmten Absicht offeriert wird, wenn ich von irgendeiner – auch noch so guten – „Sache“ überzeugt werden soll, fühle ich mich nicht ganz ernst genommen.
Ich mag es lieber unbestimmt, gehe gern auf „Expedition“ ins Unbekannte. Nicht wie auf Dieter Mammels gleichnamigen Bild mit Spektiv oder Feldstecher, aber ich bin ja auch kein Polarforscher. Nur die Situation – ein einsamer Mann am Bildrand, das rettende Schiff in weiter Ferne – diese leicht beunruhigende Situation gefällt mir. Und ich frage mich: Wie macht der Mammel das – trotz dieses statischen Bildaufbaus, mit diesen gähnend leeren Flächen eine solch vibrierende Spannung zu vermitteln? Weil er sich selbst als Subjekt, als individuellen Träumer, Erzähler ernst nimmt – und damit auch den Betrachter seiner Bilder.
Nun fällt mir auf: Ich kann mich nicht erinnern, jemals in wenigen Sätzen über Kunst so oft „ich“ gesagt zu haben wie eben. Warum wohl?
Weil Dieter Mammel gesellschaftliche Veränderungen, Mentalitätsbrüche und auch kulturelle Trends in Bilder fasst, die uns alle berühren. Denn er tastet sich an die Extreme heran, so vorsichtig, dass jeder mitgehen kann: konfrontiert mit einem Schiffsuntergang sehen wir immerhin noch einen Überlebenden – oder einen unbeteiligten Beobachter? Die Einsamkeit des Langstreckenläufers – die scheint dem von sozialen Medien übermäßig in Anspruch genommenen Zeitgenossen erstrebenswert – ist allerdings nur in der Wüste, der Eiswüste zu haben. Und selbst die „Nacht der langen Messer“ im Untergeschoss, das Mammel ganz bewusst „Keller“ nennt und zum „dark room“ erklärt – selbst diese aussichtslose Situation wird verkörpert von einer jungen Frau, die dann doch nur bewaffnet ist mit nichts weiter als einem blanken Messer.
Das alles mag auf eigener Lebensgeschichte beruhen, aus eigenen Erfahrungen herrühren, auch von Träumen und Alpträumen, kleinen Utopien und großen Ängsten. Das hat sich ja seit 68, da war Mammel fünf Jahre alt, geändert, damals waren es große Utopien und nahezu angstfreie Aufbruchstimmung. Aber anekdotisch malt dieser Künstler dennoch nicht. Dann wäre der Betrachter nicht mehr als ein Voyeur – und schnell gelangweilt. Hier aber wird Privates allgemeingültig, doch niemals durchschnittlich, gewöhnlich ins Bild gerückt.

Wie gelingt das?

Aus einer Distanz, die der Künstler, so paradox das klingt, sich mit körperlich direktem Einsatz beim Malen, im Akt des Malens schafft. So habe ich es im Ateliergespräch herausgehört – und übrigens mit Blick auf eine seltsame Schaukel auch bestätigt gefunden: „Bei Dieter Mammel hängt eine Schaukel im Atelier“, hatte mir eine Kollegin verraten. Nun stand ich davor: ein breiter schwarzer Ledergurt, mit schweren Ketten an der Decke befestigt. Aber nicht zum spielerischen Schaukeln gedacht, sondern um sich bäuchlings in diesen Gurt zu legen und aus dieser „schwebenden“ Haltung heraus die riesigen Leinwände zu bewältigen. Die stehen nämlich nicht an der Wand, sie sind auf dem Boden ausgebreitet. Darunter auch Landschaften, oft mehrere Meter lang oder hoch. Sie entwickeln sich aus einer kleinen Skizze zu immer größeren Bildflächen. Und Mammel klagt schon fast, dass er nicht nur körperlich an seine Grenzen stößt – sondern auch seine Atelierräume immer öfter zu eng werden.
Kein Wunder, wenn einer sich so wenig um Bildgrenzen schert. Die vorangegangene Mammel-Ausstellung in dieser Galerie hieß nicht umsonst „Nah und Fern“. Dieser Maler sprengt jede Planimetrie, er arbeitet undimensional - richtiger: multidimensional, seine Bilder schlagen nach allen realen und vor allem träumerisch surrealen Richtungen aus.
Die Frauenporträts zum Beispiel sind Kippfiguren, aus Gesichtern wächst ein schopfartig bewaldeter Berghang – oder war’s umgekehrt: das Gesicht ist aus der Landschaft entstanden? Auf jeden Fall sind die Dimensionen verschoben, ineinander verschränkt, so dass mehrere Schichten entstehen, wir mehrere Ebenen sehen, uns vorstellen können. Das beginnt mit „Kalte Füße“ – nicht der einige ironisch humorvolle Titel: Vor den kalten, den großen Füßen einer schlafenden Riesin steht ein kleiner … nun, ich würde sagen: ein Wicht, ein strubbeliges Etwas. Ein Science-Fiction-Gulliver in Brobdingnag, dem literarischen Reich der Riesen.
Und dann folgen richtige Männer – in winziger Größe. Einer rennt, will den Gipfel stürmen, den Berg bezwingen, der sich als Frau erweist, die den Winzling keines Blickes würdigt.
Das wäre eine, die eher psychologische Sichtweise. Aber alles ist möglich. Als Mammel 2015 eine Boot-Serie malte, da haben viele gesagt: aha, Flüchtlingsboote. Jetzt lässt er seine Figuren von den Eisfeldern verschwinden, zurück bleibt beim Bild „Eismeer“ nur die leere Landschaft, aber die zischt und brodelt, aus dunkeln Spalten wabert es gewaltig. Und viele werden sagen: aha, Klimaerwärmung.
Nun, die Frauengesichter sind geformt aus unterbrochenen Linien, wie Spuren am Meeresstrand. Da klingt, als feine Ahnung im Hintergrund, eine Warnung des Philosophen Michel Foucault an, wonach „der Mensch verschwinden könnte wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand“. Die nächste Welle, die Brandung fegt ihn hinweg. Das kann, darf und soll der Betrachter sich vorstellen, sich denken. Aber der Künstler hat das nie beabsichtigt, geschweige denn zielstrebig darauf hingearbeitet. Gemalt wird bei Mammel – sehr schön, wunderbar sympathisch – nicht aus einem Kalkül heraus: Gebilde und Zeichen entstehen aus dem Unbewussten – und aus dem Handgelenk. Vorstellung im Kopf, Geste des Körpers – das beides verbindet sich. Voraussetzung ist natürlich die solide Ausbildung, neben Sonderborg war das auch HAP Grieshaber, der Holzschneider. Daher dachte Mammel anfangs mehr in Linien und Strichen als in Farbe. Aber dann ließ er die Figuren lebendig werden, mit Tusche statt Ölfarbe, Nass-in-Nass fließen Tusche, Tinte oder Pigment auf den Malgrund, die durchnässte Leinwand. Das ergibt Dynamik, etwa im „Kopfsprung“ – wieder in 2 Ebenen: Das Frauenporträt im Hintergrund, schemenhaft, aber dennoch wie aus einem fernen Felsen herausgemeißelt – und davor der Springer mit bloßer Brust und flatterndem Haar.
Aber sehen wir einmal ab von den Motiven, nach der Nah- nun wieder die Fernsicht: In jedem Bild wird immer auch der Entstehungsprozess, der Akt des Malens thematisiert, abertausende Gesten, Bewegungsabläufe kommen mit ins Bild – und verschmelzen zu einer Komposition. Die eben nicht geometrisch konstruiert ist. Denn verlaufende Farbe ist kaum zu kontrollieren. O-Ton Dieter Mammel:
„Das Schönste sind Unfälle, dass etwas nicht gelingt, es plötzlich verläuft und seine Eigenständigkeit entwickelt. Und plötzlich wird das zu etwas ganz anderem als ich wollte.“
Das ergibt dann wundersame Rauchzeichen, wolkig-wattige Gestalten. Wie zum Beispiel den Eisbären auf seiner abschmelzenden Scholle. Verwischt, unscharf, schemenhaft. Und recht doppeldeutig betitelt mit „Auflösung“. Denn während Gletscher sich auflösen, bedeutet „Auflösung“ in der nicht malerischen, der digitalen Welt ja etwas Positives, nämlich die gestochen scharfen, weil bis in den letzten Pixel berechneten Bilder. Malerei ist anders, ist subtil und subjektiv, weil nicht berechenbar, sondern unbeherrscht, körperlich eben.
Selten hält sich Mammel sich an die Gesetze konventioneller Perspektive, etwa bei den Schattenwürfen, die unabhängig vom jeweiligen Stand der Sonne ausgemalt, hingetuscht werden. Sie dürfen, sie sollen „ausmäandern, wattig“ werden. Und so ist der „Schatten der Vergangenheit“ hier nicht historisch, gar penibel chronologisch dargestellt, sondern traumwandlerisch, assoziativ: der Schatten des Körpers eines Überlebenden in der Antarktis – ist zugleich ein bedrohlicher Riss im Eis. Dieses monochrome Universum entsteht aus Cyan – das hier wirklich zu einem Wasserblau, einem Eisblau wird, seine Materialität auf wundersame Weise verändert. Und blau sind auch die Menschen, als kristalline Ausblühungen auf der weißen Leinwand. Als Fabelwesen, die gedeutet werden wollen. Ebenso wie die Pinguine aus der – so der Titel – aus der „Eiszeit“. Ich sehe Krähenköpfe, Schildkrötenpanzer auf dem Rücken. Und frage mich, gegen welche Bedrohung sich die hier so heiter gemalten Tiere wappnen? Darauf gibt Mammel, gibt das Bild keine Antwort. Wer es sich an die Wand hängt, wird also lange etwas davon haben.
Das gilt übrigens auch für alle anderen Arbeiten. Denn Mammel, der Nass-in-Nass-Maler, hat mir im Atelier verraten:
„Manchmal lasse ich die Bilder drei, vier Tage liegen und denke: ach, doch gut verlaufen.“ Ein Reifeprozess also, nach der heftigen Malaktion erst einmal ablagern lassen – das hört sich nach einem guten Jahrgang an, nach feinem Wein. Nach Bildern, die man einfach nur genießen kann.

Jochen Stöckmann

SCHNITTSTELLE - mal keine Malerei
19.10.– 17.11.2018
Galerie Hübner&Hübner, Frankfurt am Main
Eröffnung am 19.10. um 18 Uhr

Bisher konnte man in den zahlreichen Ausstellungen Dieter Mammels in der Galerie hauptsächlich seine Tusche-auf-Leinwand-Malereien sehen. Die sich dort fortzeichnende Verwendung von Hell-Dunkel-Kontrasten geht maßgeblich auf eine frühe Beschäftigung mit dem Holzschnitt hervor, der mit dem großväterlichen Kunstunterricht schon als Kind und mit einer frühen persönlichen Bekanntschaft mit HAP Grieshaber begann. Rückgriffe auf Kindheit, Jugend und Familie zeigen sich auch in den Motiven der gezeigten Handabzüge und Installationen, wenn der Künstler beispielsweise sich als Täufling mit den Patenonkel schnitzt oder das Bild seines Vaters auf verschiedene Materialien und Untergründe setzt, die häufig eine emotionale Bedeutung haben. So interpretiert er beispielsweise den Holzfäller Ferdinand Hodlers als persönliches Symbol für mit Verletzung erkämpfte Freiheit als Grundvoraussetzung künstlerischen Schaffens. In Installationen wie „Venusfalle“ spielt er ironisch ornamental mit existentiellen Themen wie Fruchtbarkeit und Vergehen.